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Ideelle
Tradition
Wollte
man einen Zeitpunkt, eine Geburtsstunde für die Notwendigkeit einer
naturheilkundlichen, ganzheitlichen Medizin festlegen, so würde man sicher
das Jahr 1858 nennen. In diesem Jahr verkündete Rudolf Virchow seine
Zellularpathologie, in der der Mensch zu einem eindimensionalen Wesen erklärt,
seine seelisch-geistigen Regungen als Prozesse der Materie, der Chemie
bezeichnet wurden. Virchow sieht die Zelle als das wirkliche, letzte
entscheidende Formelement aller lebendigen Erscheinungen. Von dieser
atomistischen Betrachtung kleinster, einzelner, materieller Teile wird dann
auf das lebendige Ganze geschlossen. Wenige Jahre zuvor hatten die Physiologen
Bois-Reymond und von Brücke postuliert, dass im menschlichen Organismus keine
anderen Kräfte wirksam sind, als die der genauen physikalisch-chemischen. Mit
dieser und Virchows Aussage kam eine lange Entwicklung über Gallilei,
Descartes, Bacon, La Mettrie mit seinem Modell des L‘homme machine und
anderen ans Ziel: Das
Primat des Materiellen.
Es
geht davon aus, das alle Lebensvorgänge – biologische, psychische und
geistige – ausschliesslich Funktionen der Materie sind. Damit wurden die
seit der griechischen Antike (Platon, Aristoteles, Hippokrates) geltenden
Grundsätze der wirkenden Existenz von gestaltbildenden und erhaltenden Kräften
endgültig aus der wissenschaftlichen Lehre gestrichen. Doch ebenso wie heute
war die offizielle Lehrmeinung nicht die einzige Möglichkeit einer Weltsicht.
Die Gewissheit einer Schöpferkraft, Idee, Lebenskraft, Ganzheit oder Gottheit
usw., die mehr ist als die Summierung vieler einzelner kleiner Teile, ist aus
der Kulturgeschichte der Menschheit zu keiner Zeit wegzudenken, auch heute
nicht, trotz der ungeheuren Erfolge der materialistisch-technischen
Weltanschauung. Die gewaltigen Erfolge dieser Überzeugung und der damit
verbundenen Forschung sollen in keiner Weise in Frage gestellt werden, ihren
Anspruch als der allein gültigen Methode besonders im Bereich des Lebendigen
muss aber entschieden widersprochen werden. So gründet sich heute das
Selbstverständnis der Heilpraktiker auf das Zusammenfügen der traditionellen
ganzheitlichen Schau von geistigen Formbildungen (Aristoteles: Causa formalis)
einer übergreifenden Naturordnung mit den Erkenntnissen der Materie zu einer
neuen, dritten Qualität, den naturheilkundlichen Heilpraktikermethoden. „Medicus
curat, natura sanat“ ist die ideelle Überzeugung der Heilpraktiker, ihre
Existenz von der allgemeinen Medizingeschichte nicht zu trennen.
Naturheilkundige wie z. B. Prießnitz, Schroth, Kneipp, Felke und viele andere
mehr haben ihre Denkmodelle, ihr segensreiches Tun nur anwenden können durch
die Gewährleistung von Wissenschaftsfreiheit und Methodenpluralismus in der
Medizin. Die demokratische Legitimation, die staatliche Anerkennung des
selbstständigen Heilberufes „Heilpraktiker“ ist deshalb u. a. ein Garant,
ein Barometer für diese Freiheit und den Pluralismus. So ist es möglich,
unabhängig von den Paradigmen, dem Realitätsverständnis der
naturwissenschaftlichen Universitätsmedizin als Behandler therapeutisch tätig
zu sein und sich auch als Heilpraktiker im Forum der öffentlichen
Wissenschaftsdebatte, dem seit dem Mittelalter geführten Universalienstreit
zu begreifen. Deshalb tritt der Fachverband Deutscher Heilpraktiker
entschieden für den weiterhin freien, nicht universitären Zugang zur
Heilkunde unter bestimmten Bedingungen ein.
Da
vom Gesetzgeber keine Ausbildungs- und Prüfungsordnung erstellt wurde, hat
der Fachverband D H aus der Erfahrung als älteste Berufsvertretung, in
Eigenverantwortung, Ausbildungsschulen geschaffen, die den höchsten Qualitätsanforderungen
entsprechen. Die Vielfalt der Diagnose- und Therapiemethoden ist Voraussetzung
und Programm für die unterschiedlichsten Begabungen und Fähigkeiten der
Behandler und noch mehr für die individuellen Krankheitserscheinungen der
Patienten. Der Heilpraktiker ist heute und war in der Vergangenheit Bewahrer
wertvoller Behandlungsweisen. Er wird auch in Zukunft als Fachmann für die
Denkmodelle, Prinzipien und Methoden der Naturheilkunde stehen. Er wird, ohne
dieses solide Fundament zu verlassen, sich auch künftig der nicht
wissenschaftlichen, im irrationalen, emotionalen, spirituellen und im
kommunikativen Bereich von Gesundheit und Krankheit liegenden Themen der
Menschen annehmen. Er wird nicht nur bemüht sein, ausschliesslich einer
analysierenden, objektiven und objektivierenden Ratio zu folgen, sondern einer
emotionalen Intelligenz (Goleman 1996), einem aktiven Bemühen um höhere
Erkenntnis und Erfahrung.
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