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Patientenseminar, Hamburg, 29. Januar 2010

Was hat der Darm mit Allergien zu tun ?

von Dr. Ulrich Sonnenborn, Bochum 

Neben ihrer Verdauungsfunktion hat die Darmschleimhaut auch die Aufgabe, den Körper vor einer Überschwemmung mit allergenen Stoffen sowie vor der Invasion durch Krankheitserreger, die ins Innere des Magen-Darmtrakts gelangt sind, zu schützen. Die Darmschleimhaut ist die größte Kontaktfläche des Körpers zur „inneren Umwelt“ (rund 200 m2) und wird ständig mit körperfremden Substanzen und Mikroorganismen konfrontiert. Eine so große exponierte Oberfläche benötigt verständlicherweise adäquate Schutzmechanismen. Verschiedene unspezifische Schutzbarrieren, die angeborene Infektabwehr und die erworbene spezifische Immunität bilden ein komplexes, gut reguliertes Netzwerk, das die Verquickung von Nahrungsaufnahme und Infektabwehr auf engstem Raum gewährleistet. Zu den unspezifischen Schutzkomponenten des Magen-Darmtrakts gehört auch die sog. „physiologische Darmflora“. Aufgrund ihrer Abwehrleistungen gegen Fremdkeime ist sie besonders wichtig für die Verhütung von Darminfektionen. 

Die Besiedlung der inneren und äußeren Körperoberflächen des Menschen beginnt schon mit der Geburt. Innerhalb weniger Tage wird der Magen-Darmtrakt des Neugeborenen mikrobiell besiedelt, normalerweise und in erster Linie mit Keimen der Mutter. Diese natürliche Besiedlung mit Mikroorganismen hat keinerlei Krankheitswert, hat aber Auswirkungen auf Architektur, Funktion und Immunologie des Darmes. Die sich in den ersten Lebensmonaten etablierende Darmflora ist nach heutigem Kenntnisstand insbesondere für die Entwicklung des Immunsystems von ganz entscheidender Bedeutung, sowohl für die Ausprägung der Immunabwehr als auch für die Entstehung einer Immuntoleranz gegenüber der körpereigenen Mikroflora. Außerdem dient die Darmflora aufgrund der von ihr ausgehenden immunologischen Reize ein Leben lang als „Trainingspartner“ des Immunsystems. 

In Zusammenhang mit der frühkindlichen Entwicklung des Immunsystems wurde 1989 von dem schottischen Arzt David P. Strachan die „Hygiene-Hypothese“ aufgestellt. Diese besagt, dass die deutliche Zunahme allergischer Erkrankungen, die in allen hochindustrialisierten Nationen mit gutem Hygienestandard zu verzeichnen ist, auf ein Übermaß an Hygiene, insbesondere im häuslichen Umfeld, zurückzuführen ist. Auffällig ist, dass die Zunahme von Allergien einhergeht mit einem Rückgang der Infektionskrankheiten in diesen Ländern. Basierend auf einer Reihe epidemiologischer Studien entwickelte sich in den letzten Jahren die Vorstellung, dass der Kontakt mit Mikroorganismen aus der Umwelt durch ein Zuviel an Hygiene seltener geworden ist und dadurch die natürliche Entwicklung des frühkindlichen Immunsystems in Richtung Infektabwehr behindert, während eine Entwicklung in Richtung Allergie gefördert wird. Im Immunsystem äußert sich diese Fehlentwicklung durch eine veränderte Zusammensetzung und Aktivität bestimmter weißer Blutkörperchen (Lymphozyten). Genauer gesagt verschiebt sich die Balance zwischen zwei für die Regulation der Immunabwehr wichtigen Lymphozyten-Typen, den TH1- und den TH2-Helferzellen, zugunsten der TH2-Lymphozyten. TH2-Lymphozyten sind die regulatorischen Gegenspieler der TH1-Lymphozyten. Beide Arten von T-Helferzellen beeinflussen sich wechselseitig durch die Synthese verschiedener Botenstoffe (Interleukine). Der Normalzustand, in dem die TH1-Zellen dominant sind, stellt das Immunsystem auf Infektabwehr ein und reduziert gleichzeitig das Risiko einer Manifestation allergischer Erkrankungen.

 

Schon seit längerem ist bekannt, dass Allergien (z.B. Neurodermitis, Urtikaria, allergisches Bronchialasthma u.a.m.) mit einem Übergewicht an TH2-Lymphozyten einhergehen. Das Risiko, Allergien zu entwickeln, vergrößert sich für ein Kind, wenn ein Elternteil oder beide Eltern selbst Allergiker sind. Bei diesen allergisch veranlagten Risikokindern wurden Störungen der Darmflora, des Darmimmun-systems und der Darmschleimhautbarriere festgestellt. 

Für einige Probiotika-Präparate (Arzneimittel mit lebenden nützlichen Darm-keimen) wurde in der letzten Zeit nachgewiesen, dass sie die Entwicklung des Darmimmunsystems so beeinflussen können, dass eine TH1-Lymphozyten-Dominanz entsteht, wodurch eine allergiefördernde TH2-Lymphozyten-Dominanz verhindert und die Infektabwehrbereitschaft verbessert wird. Darüber hinaus können manche Probiotika sowohl eine gestörte Darmökologie wieder einregulieren als auch eine verminderte Barrierefunktion der Darmschleimhaut restaurieren. Beispielsweise kann man durch Verabreichung des probiotischen Bakterienstamms E. coli Nissle 1917 (Mufaflor®) bei Frühchen wie bei reifen Neugeborenen die Entwicklung des Immunsystems so steuern, dass sich eine antiallergische, von TH1-Lymphozyten dominierte Immunitätslage herausbildet. Auch bei erwachsenen Allergikern zeigte E. coli Nissle 1917 eine deutliche, die Aktivität von TH1-Zellen fördernde anti-allergische Wirkung, die wesentlich stärker war als die Wirkung eines zum Vergleich mitgetesteten  Lactobacillus-acidophilus-Stamms. Daher liegt in der Prävention, möglicherweise sogar in der Therapie allergischer Erkrankungen eine große Zukunft für den Einsatz probiotischer Arzneimittel.


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