von Uwe Steinbauer
Im Amerikanischen nennt man sie schlicht
»Bodywork«, die tiefe und einfühlsame Behandlung des Körpers. Das deutsche Wort
»Körperarbeit« klingt etwas hart, wo es doch eine der angenehmsten und doch
tiefgreifendsten Therapien für Körper, Geist und Seele darstellt. Körperarbeit ist ein
Überbegriff für verschiedene Techniken, entwickelt von Dr. Milton TRAGER, Ida ROLF und
anderen Körpertherapeuten. Allen Techniken gemein ist die sanfte und tiefe Arbeit in
einem Zustand der Entspannung und des Wohlbefindens. Von den verschiedenen Formen der
Körperarbeit ist »Rebalancing« besonders hervorzuheben. Körperarbeit wurde in der
Vergangenheit gerne in die esoterische Ecke geschoben oder als »laienhaft« belächelt.
In den geschulten Händen des in einer Körperarbeit wie »Rebalancing« ausgebildeten
Heilpraktikers ist sie jedoch ein erfolgreiches Therapieverfahren mit großer
Wirkungsbreite.
Wirkung auf das Bindegewebe
Im Mittelpunkt der Körperarbeit steht das
elastische und straffe Bindegewebe, das in Form von Faszien, Ligamenten, Kapseln usw. alle
Strukturen im Körper verbindet und umgibt. Es unterliegt einer steten Sol-Gel-Aktivität,
Thixotropie genannt: Bei Energiezufuhr wird es flüssiger, in Ruhe verfestigt es sich.
Hauptursache dafür sind Wasserstoffbrücken, die die Collagenmoleküle zu Fasern formen
und so das Ausmaß der Zugfestigkeit bestimmen. Durch Energiezufuhr werden diese
Wasserstoffbrücken gespalten und das Gewebe flüssiger, d.h. elastischer gemacht. Diese
Energie wird in Form von Wärme, Bewegung und intensivem Stoffwechsel zur Verfügung
gestellt. Ausgelöst durch mangelnde Bewegung bei vorwiegend sitzender Lebensweise,
Durchblutungsstörungen des Gewebes oder chronische Verspannungen fehlt den Collagenfasern
diese Energiezufuhr, und es kommt zu Ballungs- und Klebevorgängen: Muskelfaszien
verkleben miteinander, Sehnen verbinden sich mit ihren Sehnenscheiden, die
Bewegungsspielräume der Strukturen verengen sich zunehmend, und feine Beweglichkeiten
gehen verloren.
Dieser Prozeß der Versteifung und Verhärtung bindegeweblicher Strukturen, der auch Teil
des Alterungsprozesses ist, kann in zunehmendem Maße auch beim jungen Erwachsenen
festgestellt werden.
Mit Bewegung, Druck und Wärme können geschulte Hände gezielt auf verhärtete Strukturen
einwirken und die Elastizität durch Erhöhung des Energieniveaus wiederherstellen.
Wirkung auf die Muskulatur
Die Muskeln stellen 70-85 Prozent des
Körpergewichtes des Menschen und sind unsere größten Energieverbraucher. Alle
Muskelfasern des Körpers bilden dabei eine Einheit, die durch konstante Tonusverlagerung
ein Gleichgewicht im Körper erzeugt, die der momentanen Situation angemessen ist. Ein
chronisch angespannter Muskel verbraucht dauernd Energie, ohne auch nur einen Zentimeter
Arbeit zu verrichten. Hinzu kommt, daß er sich durch die konstante Kontraktion in einem
Zustand der Ischämie befindet und nur schlecht versorgt werden kann. Dieser Teufelskreis
führt über kurz oder lang zu Schmerzen, die wiederum reaktiv andere Strukturen
verspannen. Nervenfasern, die in Muskeln eingebettet sind, können komprimiert und
geschädigt werden. Betroffen sind nicht nur die »typischen« Muskelgruppen im
Schulter-Nacken-Bereich und am Rücken - in meiner Praxis werde ich oft mit ausgeprägten
Verpannungen der Mm. iliopsoas, quadratus lumborum und piriformis konfrontiert, die
Symptome wie schwere Rückenschmerzen oder Ischialgien verursachen können.
Ohne die genaue neurale Wirkungsweise der Berührung zu erklären, wird jeder aus eigener
Erfahrung bestätigen können, wie der Muskeltonus durch fachkundige Berührung
herabgesetzt werden kann.
Des weiteren wird durch die vorsichtige Mobilisation der Muskeln deren Durchblutung
gefördert und ein reinigender, durchspülender Effekt erzielt: Toxine und Abfallstoffe
werden aus dem Interzellularraum in den Blutkreislauf gespült und können von dort
ausgeschieden werden.
Nebenwirkungen: Oft kann nach der
Behandlung eine kleine Harnflut beobachtet werden. Mitunter treten, verursacht durch
freigesetzte Toxine, vorübergehende Kopfschmerzen auf.
Wirkung auf das Nervensystem
Zu jedem Zeitpunkt werden von den
Tastkörperchen der Haut, den Muskelspindeln und den Propriorezeptoren im Bindegewebe
unendlich viele Informationen über Berührung, Druck, Schmerz, Muskeltonus, Stellung der
Gelenke im Raum, Schwerkraft etc. gemeldet. Diese werden von einfließenden Emotionen
verfärbt, mit früheren oder ähnlichen Informationen verglichen, dementsprechend
verfeinert oder verändert und schließlich von der sensorischen Hirnrinde als
»momentanes Körpergefühl« wahrgenommen. Der Körper besitzt eine geniale
Lernfähigkeit: Komplizierte Bewegungsabläufe, die viel Aufmerksamkeit beanspruchen (z.B.
Autofahren), werden bei häufigem Wiederholen als Bewegungsmuster gespeichert, um so dem
Körper zur Verfügung zu stehen, ohne das bewußte Denken zu stören. Eine
Bewegungsabfolge wird so zum erlernten Reflex, der durch das bewußte Denken kaum noch
beeinflußt wird. Dieser Lerneffekt hat aber seine Schattenseite: Auch Bewegungs- und
Haltungsmuster, die unseren Körper schädigen, werden so zu erlernten Reflexen und sind
nur noch sehr schwer zu ändern. Schonhaltungen nach längeren Schmerzperioden,
Operationen und Unfällen und auch emotional bedingte Fehlhaltungen (z.B. bei chronischen
Streß- und Angstzuständen) werden so zur »Normalhaltung« des Menschen. Eine sich stets
wiederholende Gestik, Haltung oder Bewegungabfolge führt nach einer gewissen Zeit
unweigerlich zur Schablone, zum Reflex. Interessanterweise hat man herausgefunden, daß
die Organisation von Bewegungsmustern und erlernten Reflexen nicht wie erwartet am
motorischen, sondern am sensorischen Cortex lokalisiert ist. Dies ist vielleicht der Grund
dafür, daß diese reflexartigen Muster über das bewußte Denken so schwer zugänglich
sind, durch gezielte Körperarbeit aber erstaunliche Erfolge erzielt werden können. Das
muskuläre Muster kann direkt durch neues Empfinden überlagert und damit manipuliert
werden. Erhöht sich der Bewegungsspielraum in beeinträchtigten Gliedmaßen langsam bei
unverändert angenehmen Empfindungen, entdeckt der Patient, daß viele Bewegungen, die er
gescheut hatte, gar nicht schmerzhaft sind. Der Körper kann sich anders bewegen, weil der
Geist etwas anderes gefühlt hat! Körperarbeit ist somit eine wirkungsvolle Methode zur
Muskelumerziehung.
Jedoch, neue Bewegungs- und Haltungsweisen
können nur in dem Moment übernommen werden, in dem ein altes Muster ausgeschaltet oder
aufgelöst ist - also im Zustand der Entspannung.
Einsatzgebiete
Körperarbeit wird eingesetzt:
- bei muskulärem Hartspann, Myogelosen, chronischer Lumbalgie
- bei Fehlhaltungen
- nach Unfällen und Operationen
- bei Streßsymptomatik - bei Unruhe und Schlaflosigkeit
- zur Verbesserung des Körperbewußtseins und zur Prophylaxe
Am wirksamsten ist eine Serie von 10-15
Behandlungen von 60-90 Minuten Dauer im Abstand von ein bis zwei Wochen.
Körperarbeit darf nicht angewandt werden
bei:
- allen akuten Geschehen
- starker Osteoporose
- Krampfadern und Venenentzündungen
- malignen Prozessen
- starker psychischer Labilität
Verfasser:
Uwe Steinbauer
Heilpraktiker
Roßmarkt 6 80331 München
Tel.: (089) 93 93 24 22
Erstveröffentlichung: Der
Heilpraktiker - Volksheilkunde 4/98, S. 25 |